Künstliche Intelligenz verändert die Kriegsführung: Im Gespräch mit dem Informatiker und Technikphilosophen Rainer Rehak spricht Karim El-Gawhary über KI-gestützte Systeme, die die israelische Armee im Gazastreifen zur Zielauswahl einsetzt. Es geht um automatisierte Waffensysteme, aber nicht nur die Rolle des Militärs, sondern auch der großer internationaler Technologiekonzerne. Am Beispiel der in Gaza verwendeten Systeme „Lavender“, „Gospel“ und „Where’s Daddy“ erklärt Rehak, wie viel menschliche Kontrolle überhaupt noch vorhanden ist. Er diskutiert auch die Frage, wer für algorithmisch unterstützte Angriffe vor allem für die zivilen Toten verantwortlich ist und ob zivile Opfer bereits im System mit eingebaut sind. Wer begeht etwa ein potentielles Kriegsverbrechen: Die Firma, die das System entworfen hat, die Rechenzentren die die Daten zur Verfügung stellen oder der Soldat, der den Angriff innerhalb von 20 Sekunden freigeben muss.
Wie verändert künstliche Intelligenz die moderne Kriegsführung, und was passiert, wenn Algorithmen darüber mitentscheiden, wer zum militärischen Ziel wird? Karim El-Gawhary spricht mit Rainer Rehak, Informatiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Weizenbaum-Institut in Berlin, über die technischen, politischen und ethischen Folgen von KI im Krieg.
Im Mittelpunkt steht der Gazastreifen, in dem die israelische Armee KI-gestützte Systeme zur Zielauswahl von Personen, Gebäuden und einsetzt. Das Gespräch beleuchtet die Funktionsweise von Lavender, Gospel und Where’s Daddy sowie die Risiken automatisierter Zielauswahl auf Grundlage umfangreicher Datenbestände. Dabei geht es auch um die Frage, wie zuverlässig solche Systeme zwischen Kämpfern und Zivilisten unterscheiden können und ob zivile Tote bereits im System mit eingebaut sind.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Rolle großer Technologiekonzerne wie Microsoft, Google und Amazon, deren Cloud-Infrastruktur und digitale Dienste für moderne militärische Datenverarbeitung von Bedeutung sind. Rehak erklärt, warum eine menschliche Freigabe nicht automatisch eine verantwortungsvolle Kontrolle bedeutet, wenn für die Prüfung einzelner Ziele kaum Zeit bleibt. Außerdem diskutieren El-Gawhary und Rehak die Verantwortung von Militärs, politischen Entscheidungsträgern und Technologieunternehmen sowie die Anforderungen des humanitären Völkerrechts. Das Gespräch macht deutlich, warum es eine breite öffentliche Debatte und verbindliche internationale Regeln für den Einsatz von KI in bewaffneten Konflikten braucht.
Referenzen:
Shownotes und Referenzen:
Artikel: Rehak, R.; Woodcock, T. K. (2026) Automating civilian harm: On Israel's use of the AI-enabled targeting system Lavender in Gaza and International Humanitarian Law. ACM FAccT '26. https://doi.org/10.1145/3805689.3812357
Interview: KI und das Lavender-System: Automatisierte Todeslisten. https://netzpolitik.org/2026/interview-ueber-ki-und-das-lavender-system-automatisierte-todeslisten/
Anthony Löwenstein, „The Palestine Laboratory“ https://www.versobooks.com/en-gb/products/2684-the-palestine-laboratory